Wir sehen in Goethe in dieser Arbeit nicht nur und nicht immer in erster Linie den Dichter, weil er sich selbst auf seiner Italienreise nicht auf diese Facette seiner Persönlichkeit reduzieren mochte. Vielmehr tritt er uns als ‚mannigfaltige, gantze’ Persönlichkeit gegenüber. Um diese Mannigfaltig, die als solche nicht faßbar ist, zu reduzieren, stellen wir ihn in eine klar umrissene Kommunikationssituation. Wir untersuchen ihn als Klienten einer Beratung. D.h., wir vereinfachen nicht dadurch, daß wir eine einzelne Seite seiner Persönlichkeit (Goethe als Dichter, als Liebhaber, als Sohn, als Minister…) fokussieren, weil wir davon ausgehen, daß sein Verhalten – auch seine Dichtung – erst als Produkt der Wechselwirkung mehrerer Facetten überhaupt entsteht. Seinem außergewöhnlichen Talent entsprechend tritt er selbst aber auch als Berater auf. Im einzelnen kann man ihn sowohl als Klienten seiner eigenen Beratung (Selbsttherapie) als auch als Klienten einiger seiner Freunde und Zeitgenossen betrachten. Drittens treten auch seine späteren Biographen und viele Literaturwissenschaftler, die sich mit ihm und seinen Werken beschäftigen mehr oder meist weniger bewußt als Karriereberater auf. Sie entdecken ‚Identitätskrisen’ (K.O. Conrady), Stagnationen, eine "Wiederherstellung der verletzten, ja beschädigten Person" (Chr. Michel) usf., ohne den Prinzipien von Anamnese, Diagnose und therapeutischer Maßnahmeplanung in der heute in der Beratung üblichen Form zu folgen.

Es macht andererseits mehr als zweihundert Jahre nach dieser bemerkenswerten Selbsthilfeaktion keinen großen Sinn, die Erkenntnis Goethes und seiner Zeitgenossen über seine ‚Seelenkur’ lediglich zu verdoppeln. Die Beschreibung seiner Selbstbeschreibung liefert wichtige Daten, sie soll jedoch nicht als Ergebnis der Untersuchung gelten. Als dritte Perspektive, neben seiner eigenen und derjenigen, die seine Zeitgenossen und Nachfahren in ihren Biographien eingenommen haben, wird das Wissen in Anschlag gebracht, welches in der Zwischenzeit über die Bewältigung von Lebenskrisen und über Beratungen als Kommunikationsformen gesammelt wurde. Sollen die Aussagen über Goethes Leben auf andere Personen, andere Lebenskrisen, andere Dichter übertragbar sein, so müßten sie von seiner Person ablösbar sein. Das verlangt Theorien. Zu praktisch allen zentralen Begriffen wie Persönlichkeit, Karriere, Krise, Beratung, Selbsterkenntnis gibt es mittlerweile Modelle und Untersuchungsergebnisse in der der Fachliteratur verschiedener Disziplinen und Professionen.

Goethes Selbstbild, welches von Eckermann so treffend im Begriff des ‚mannigfaltigen Diamanten’ zusammengefaßt wurde, taucht seit William James als ‚multifaceted self’ in der Sozialpsychologie in den unterschiedlichsten Ausprägungen auf. Goethes Betonung der Bedeutung des Anderen als Spiegel der eigenen Seele – und damit seine Skepsis gegenüber der Leistung von Introspektion – finden wir bei Charles Horton Cooley (‚looking glass effect’) und im Symbolischen Interaktionismus ausgebaut. Aus diesem Konzept ergeben sich Hypothesen über Störungen, die gerade in den letzten Jahrzehnten ausgiebig experimentell überprüft und mit psychischen Befunden und Karriereverläufen korreliert wurden. Goethe spielte die Konsequenzen der Disbalancen schon in ‚Wilhelm Meisters theatralischer Sendung’ konsequent durch und sein ‚Tasso’ fokussiert einen Typus, der seinem ‚Arbeitsselbst’ (Markus/Wurf 1987) damals nahe kommt, ziemlich unverblümt. Im Gegensatz  zur viel zitierten Dissonanztheorie Festingers, die gerade die Vermeidung von Widersprüchen und das Streben nach Kongruität zum beständigen Ziel und zur Triebfeder der Persönlichkeit erklärt, weiß Goethe, daß es für ihn auf Dauer nur darum gehen kann, mit seinen Widersprüchen zu leben, eben weil sie die Quelle seiner Kreativität sind.

Ausführlich behandelt ist sein Lebensweg aus psychoanalytischer Sicht. Allerdings schrecken die Professionals typischerweise davor zurück, den Weimarer selbst als Psychoanalytiker – und sei es auch nur als Berater in statu nascendi – zu betrachten. Eindruckvollstes Beispiel einer solchen ausschließlichen Patientifizierung Goethes ist Eisslers Monumentalbiographie – welche die Italienische Reisekur deshalb verdächtig kurz abhandeln muß.

Alle obligatorischen Programme, die in der aktuellen Praxis der Karriereberatung (Rappe-Giesecke 2008) genutzt werden, haben auch auf der italienischen Reise ihren Platz. Es finden Erkundungen zu den zentralen Werten (Karriereanker nach E. Schein), Lebenslaufanalyse samt Stärken und Schwächen-Analysen (Bürkle 2002) und unter Einsatz kreativer Medien sowie schließlich eine klare Profilentwicklung mit Umsetzungsstrategien statt. Deutlich lassen sich die drei Hauptformen des Wertewandels: Bestätigung durch reflexive Verstärkung und symbolischer Externalisierung, Hoch- bzw. Herabstufung von Werten (Prämierungskorrektur) und schließlich die vollständige Substitution alter durch neue Werte bei Goethe beobachten. Im Ergebnis muß Goethe – wieder einmal –  auch eigenes Scheitern verarbeiten.