Literaturwissenschaft, M.A.
S, 2 SWS (Mo 18 - 20), LG 4, D03


Michael Giesecke

„Das Bewußtsein, mein Liebster, ist keine hinlängliche Waffe, ja manchmal eine gefährliche für den, der sie führt.“ Ausgerechnet der hoffnungslos vernunftgesteuerten Charlotte legt Goethe in den ‚Wahlverwandtschaften’ dieses sein Credo in den Mund. Das Verhältnis der vielfältigen Formen des Unbewußten zum Verstehbaren und Verstandenen, von geistigem Probehandeln und faktischer Ausführung bildet ein Zentralthema des Romans des 60 Jährigen. Die Beschäftigung mit diesem Thema hat bei ihm eine lange Tradition. Schon Jahrzehnte zuvor findet sich in ‚Wilhelm Meisters Theatralischer Sendung’ ein ähnlicher Ausspruch. Er variiert sein Arbeitsthema, ob der Ehebruch in der Phantasie zum Erhalt oder zur Aufhebung der Ehe führt, wenig später in seinem Gedicht ‚Das Tagebuch’ (1810). Er veröffentlicht es jedoch nicht, wohl um seine Zeitgenossen nicht mit seinen weit vorauseilenden, ‚unzeitgemäßen’ Normvorstellungen zu überfordern.

Kurz vor seinem Tod wandte sich der ‚inkommensurable’ Kommunikationstheoretiker des 20. Jhs., Gregory Bateson, der Frage zu, ob es Prozesse im Funktionsablauf aller lebendigen Systeme von der Art gibt, „daß, wenn Nachrichten oder Informationen von diesen Prozessen andere Teile des Systems erreichen, das Zusammenwirken des Ganzen gelähmt oder unterbrochen wird?“
Es geht um den Sinn und die Notwendigkeit von ‚Nicht-Kommunikation‘ und der Latenz von Daten und Programmen zur Aufrechterhaltung von Kommunikationssystemen. Diese Idee scheint ihm die Grundlage einer Theorie des ‚Heiligen‘ zu sein. „Ich glaube“, schreibt er in einem nachgelassenen, von seiner Tochter vervollständigten und herausgegebenen Werk, „daß dies eine sehr wichtige und bedeutsame Frage ist und daß es einer Nichtkommunikation bestimmter Art bedarf, wenn uns das „Heilige“ erhalten bleiben soll. Kommunikation ist nicht aus Furcht unerwünscht, sondern weil Kommunikation die Natur der Ideen irgendwie verändern würde.“ (ebd. S. 118)
Neben dieser letztlich naturwissenschaftlich begründeten Argumentation können wir bei dem Soziologen Georg Simmel nachlesen, daß das Geheimnis „eine der größten Errungenschaften der Menschheit“ sei. Alle Sozialbeziehungen basieren nicht nur auf gemeinsamen Normen, geteilten Informationen der unterschiedlichsten Typik, sondern auch auf Ungleichheiten in Bezug auf Daten, Programme und Werten. Nietzsche und manche andere Philosophen hielten die Fähigkeit, etwas vor anderen zu ‚verschleiern’ für ein Wesensmerkmal, daß den Menschen vom Tier abgrenzt und überhaupt den ‚Beginn der Kultur’ bedeutet. (Der Biologe Bateson sieht das anders.) Diese Kulturgeschichte des Geheimnis wird in dem großen Projekt ‚Schleier und Schwelle’ von Aleida und Jan Assmann bestens dokumentiert.
Merkwürdig genug, besitzt das Geheimnis trotzdem in unserer Kultur eher eine negative Konnotation. Die Neuzeit beginnt mit der Aufklärung von Geheimnissen, Öffentlichkeit und Transparenz werden eingefordert, nicht Schweigen und Arkana.
Hartmut Böhme sieht in dieser Tradition, die gegenwärtig durch den Enthüllungsjournalismus neue und zusätzliche Kraft bekommen hat, eine Gefahr: „Es geht deshalb um die Suche nach einer Kultur, welche Kult und Demokratie, Geheimnis und Aufklärung, Aura und Logik vereinbar macht.“ Damit wären wir bei der Aktualität des Seminarthemas.
Mit der positiven Funktion von Geheimnissen in den zwischenmenschlichen Beziehungen haben sich Psychologen, Berater und Therapeuten spätestens seit S. Freud immer wieder beschäftigt. Eine populäre Version ihrer Argumente und viele neue Anregungen – ganz in der Intention Böhmes – liefert Ursula Nuber: ‚Es tut gut, nicht alles preiszugeben’. Es geht um die Sicherung des Geheimnisses als Menschenrecht und als persönliches Recht. Daß dies nicht nur eine moralische Legitimität besitzt sondern kommunikationstheoretisch und naturwissenschaftlich zu begründen ist, mag man bei Bateson nachlesen.

Zeitweise Unterbrechung der Beziehung und des Mitteilens und das Kultivieren von Geheimnissen als Bedingung zwischenmenschlicher Systembildung wird Gegenstand des Seminars sein. Insoweit Goethe und Bateson die Daten und Programme liefern, eignet es sich sowohl für Literatur- als auch für Kommunikationswissenschaftler.

Leistungsanforderungen

Vorbereitung eines Themas für die Seminardiskussion in Form von Thesen und durch Kurzreferat. Lektüre der Basisliteratur. Ausarbeiten eines Themas in einer Hausarbeit.

Mögliche Themen

1.Die ‚Wahlverwandtschaften’, die Aura Otiliens und das Geheimnis als Prinzip der Novelle. (W. Benjamin)

2.Goethe und die Ehe. In Dichtung und Biographie (Frühwald, Damm).

3. ‚In geistigen Prozessen muß die Information zwischen den interagierenden Teilen ungleichmäßig verteilt sein’ – Naturwissenschaftliche und informationstheoretische Begründung (Bateson) oder kapitelweise?

4.Das Geheimnis als Bedingung von Gesellschaft und Kultur (Simmel, Weber, Böhme) und die Risiken des Enthüllungsjournalismus.

5.Die Verdrängung des Geheimnis und die Prämierung der Aufklärung. Kulturgeschichtliche Ansätze (Assmann, Engel et.al.) (kann auch noch geteilt werden, indem ein Referat die Systematik der Geheimnisbegriffe behandelt).

6. ‚Wir leben mit Geheimnissen’ – und das ist gut so. (Neuber)

 

Literatur