Literaturwissenschaft, B.A./M.A.
S, 2 SWS (Mo 18 - 20), LG 4, D02

 

Michael Giesecke

Neben dem Verstehen von Literaturen als Ausdruck von Persönlichkeiten (Dichtern), von sozialen Verhältnissen, von Textgattungen usf. können sie auch als Spiegel größerer Epochen der menschlichen Kulturgeschichte begriffen werden. In diesem Seminar geht es um die Kultur der Nomaden in Mittelasien. Legt man ein kommunikationstheoretisches Konzept von Kulturen zugrunde, so ist zu fragen, welche Form der Wahrnehmung und welche Modelle der Informationsverarbeitung in den Werken dominieren. Selbst nach dem Vergehen der Kulturen können solche Programme und Werte erhalten bleiben und weitererzählt werden, wie die Bücher von Tschingis Aitmatow und Galsan Tschinag belegen. Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar ist die abgeschlossene Lektüre mindestens eines Werkes beider Autoren.

Themen, Referate, Hausarbeiten im SS 2008

Leistungsanforderungen

  • aktive Beteiligung durch Literaturlektüre, Lösung von Arbeitsaufgaben plus
  • weitere Leistungspunkte durch (vorbereitende) Referate und Hausarbeiten        


1. Kultur- und Sozialgeschichte der Nomadenvölker in der Mongolei
Wie bestimmen Klima, Geographie und Flora und Fauna die Lebensformen?
Zunächst Kurzreferat anhand von A. Schenk: Mongolei
Hausarbeit unter Hinzuziehung weiterer Literatur und Herstellen von Bezügen zu den literarischen Werken (z.B. historisch zu den ‚Träumen des Dschingis Khan’ möglich)

2. Land, Tiere und Pflanzen als Spiegel der Menschen, Teil 1
Kurzreferat und Diskussion der Vorlage.
Literatur:
Konrad Neuberger: Die Arbeit im Garten als Metapher und Ausschnitt der Wirklichkeit. In: Praxis Ergotherapie, Heft 2, 1993,
S. 88-93.
Konrad Neuberger: Eine Verbindung von Therapie und Gartenarbeit. In: Praxis Ergotherapie, Heft 6, 1991, S. 374-381.
S. 380 wird als Vorlage für alle Teilnehmer vervielfältigt
Hausarbeit erweitern auf die anderen in der Literatur genutzten Spiegelungsformen
Weitere Lit.:
Michael Giesecke/Kornelia Rappe-Giesecke: Supervision als Medium kommunikativer Sozialforschung. Frankfurt 1997, Die Passagen zur Bedeutung von Spiegelungsphänomenen, S. 120 f., 217, 451 ff., 468 ff., 535, 541 ff., 599 ff., 737.

3. Metaphernanalyse
Sie wird mittlerweile in vielen Disziplinen genutzt
Zunächst Referat.
Als Pflichtlektüre für alle Seminarteilnehmer wird die Einleitung aus G. Morgan, S. 13-22 zur Verfügung gestellt.

3a) Wirtschaftswissenschaften und im Management
Gareth Morgan: Bilder der Organisation. Stuttgart 1997.

3b) Sozialwissenschaften
Klaus Niedermair: Metaphernanalyse. In: Theo Hug (Hg.): Einführung in die Forschungsmethodik und Forschungspraxis (Band 2 von: Wie kommt Wissenschaft zu Wissen?) Hohengehren 2001, S. 144-165.
Ist digital vorhanden!!

Hausarbeit wendet das Instrumentarium auf ausgewählte Dichtung an
Lit. :
3c) Psychologie: David Gordon: Therapeutische Metaphern. Paderborn 1995; Michael B. Buchholz (Hg.): Metaphernanalyse. Göttingen 1993.
Rudolf Schmitt: Metaphernanalyse und die Repräsentation biographischer Konstrukte. In: Journal für Psychologie/Doppelheft 4/1995 und 1/1996, S. 47-61.

3d) Sprachwissenschaft
Schmitt, Rudolf: Skizzen zur Metaphernanalyse. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1 (2000), 1. (URL http://qualitative-research.net/fqs)
George Lakoff/Mark Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg 1998.

3e) Kreatives Schreiben
Alexa Mohl: Metaphern – Lernbuch. Geschichten und Anleitungen aus der Zauberwerkstatt. Paderborn 1998. Vgl. auch http: //www. nlp.at/lexikon/index.htm
Lexikoneintrag Metapher.

4. Exemplarische Analyse im Plenum (Doppelstunde): Spieglungen in Galsan Tschinag: Dojnaa
München 2001.

Mögliche Aufteilungen des Textes für Arbeitsgruppen

Es ist möglich die Ergebnisse in einer Hausarbeit zusammenzufassen und zu systematisieren!

5. Die Synästhesie der Nomaden und ihrer Literatur
Standardliteratur:
Wilpert, Gero von: “Synästhesie”. In: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1989.
Lühe, Astrid von der: „Synästhesie“. In: Ritter, Joachim/Gründer, Karlfried (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10. Basel 1998, S. 768-773.
„Synästhesie“. In: Barck, Karlheinz/Fonter, Martin (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe, Bd. 5, Stuttgart 2003.
Utz, Peter: „Synästhesie“. In: Killy, Walter (Hg.): Literaturlexikon, Bd. 14, Gütersloh 1993, S. 416-418.
Werner, Heinz: „Intermodale Qualitäten (Synästhesien)“. In: Metzger, Wolfgang (Hg.): Handbuch der Psychologie in 12 Bänden. Allgemeine Psychologie I/1: Wahrnehmung und Bewußstsein. Göttigen 1966, S. 278-303.
Fischer-Lichte, Erika (Hg.): Wahrnehmung und Medialität. Tübingen 2001.
Utz, Peter: Das Auge und das Ohr im Text. Literarische Sinneswahrnehmung in der Goethezeit. München 1990.

Beispiele für synästhetische Literatur

In 'Der weiße Dampfer' von Tschingis Aitmatow erzählt 'der Junge', die Hauptfigur:
"Im Winter geht mir bei uns der Schnee bis an den Hals. Und Schneewehen gibt es! Wenn man in den Wald will, kommt man nur mit dem grauen Pferd Alabasch durch, es bahnt sich mit der Brust einen Weg." (43)
"Und der Wind ist hier so stark, man kann sich nicht auf den Beinen halten. Wenn auf dem See Wellengang ist, wenn dein Dampfer von einer Seite auf die andere kippt, dann kommt das von unserem San-Tasch-Wind."
Nachdem wir nun körperlich/taktil auf die Situation eingestimmt sind, können wir auch hören und die Folgen der Bewegung sehen:
"Der Großvater hat erzählt, vor sehr, sehr langer Zeit sind feindliche Truppen gekommen, um dieses Land zu erobern. Aber da hat von unserer Schlucht San-Tasch ein solcher Wind geweht, daß die Feinde sich nicht im Sattel halten konnten. Sie saßen ab, aber auch zu Fuß kamen sie nicht weiter. Der Wind peitschte ihnen so ins Gesicht, daß sie bluteten. Da wandten sie sich vom Wind ab, doch der Wind stieß sie in den Rücken, ließ sie nicht zurückblicken, nicht stehenbleiben und verjagte sie bis auf den letzten Mann vom Issyk-Kul. So ist es gewesen. Aber wir leben in diesem Wind! Bei uns fängt er an. Den ganzen Winter hindurch knarrt, heult und stöhnt der Wald im Wind. Man kriegt richtig Angst."
Kontrastiv  Zola:
"Indessen kam der Spätherbst. Die Oktoberkälte hatte die kleinen Gärten des Arbeiterdorfes mit Rost überzogen. Die Schlepper und Schlepperinnen suchten nicht mehr Zuflucht hinter den dürren Fliederbüschen. Nur noch Wintergemüse, Kohlköpfe und der mit den Perlen weißen Reifes überzogene Lauch und Spätsalat waren übriggeblieben. Wieder peitschte der Regen auf die roten Ziegeldächer und ergoß sich geräuschvoll in die Fässer unter den Dachtraufen. Die Öfen in den Häusern wurden nicht mehr kalt und erfüllten die Luft in den Stuben mit Kohlendünsten. Die Jahreszeit des Elends fing wieder an." (Emile Zola, Germinal, 3. Teil)

6. Naturkonzepte vormoderner Kulturen, Beispiel Korea Hee Seok Park
Allg. Literatur: Tim Ingold: Jagen und Sammeln … In: Andre Gingrich/Elke Mader (Hg): Metamorphosen der Natur. Wien/Köln/Weimar 2002.
Aitmatow: Die Träume der Wölfin. [Sbd. mit Erzählungen] Zürich.

Kontrastiv ist auch ein Hausarbeit  zu Natur- und Landschaft am beginn der Industriekultur: Der Stechlin von Th. Fontane möglich.

7. Interkulturelle Lebenswege. Die Biographien von Tschingis Aitmatov und Galsan Tschinag
zu Aitmatow
Aitmatow, Tschingis: Ferne Heimat Kirgisien. (Mit Fotographien von G. Kürzinger) München 1999.
Ders.: Kindheit in Kirgisien. [Autobigraphisches] Zürich.
Ders. und Daisaku Ikeda: Begegnung am Fudschijama. [Autobiographisches] Zürich.

8. Eine kollektive Etnographie eines tuwinischen Erzählers und Stammesoberhaupts.
Referat zu Schenk/Tschinag: Im Lande der zornigen Winde

9. Literaturwissenschaftliche Erkundungen
Referate z.B. zu C. Schrudde: Galsan Tschinag. Der tuwinische Nomade in der deutsch-sprachigen Literatur. Frankfurt 2000.

Themen und Material