"Durch Poësie entsteht die höchste Sympathie und Coactivität, die innigste Gemeinschaft des Endlichen und Unendlichen." (Novalis)

Das gesamte neuzeitliche Literatursystem beruht auf der Zuschreibungsbeziehung zwischen Autor und Werk. Dass Literatur historisch gesehen immer auch auf Kooperationen beruhte, rückte dadurch in den Hintergrund - so drückt auch Novalis' Zitat mehr die Sehnsucht nach einer Utopie einer poetisch verfassten Weltgesellschaft aus, als ein produktionsästhetisches Manifest zu sein. Kooperatives Schreiben hat zwar ebenfalls historische Tradition, war jedoch stets auf physische Anwesenheit, auf soziale Gruppenbildung angewiesen. Literarische Salons, Konversationskunst, die in Briefen und Briefromanen bzw. Dialogprotokollen ihren Niederschlag fand - diese Phänomene sind nicht ohne face-to-face-Situationen denkbar. Deren Verschriftlichung verlangte dann ebenfalls nach Zuschreibungen zu identifizierbare Urhebern. Erst mit der synchronen, ortsunabhängigen Kommunikation durch das Internet wird es möglich, die kooperative Kreativität räumlich präsenter und damit weitgehend abgeschlossener Gruppen auf offene, nicht durch soziale Abgrenzungen definierte Netze zu erweitern. Mittlerweile haben sich eine große Zahl kooperativer, partizipativer und kollektiver und dialogischer literarischer Projekte im World Wide Web entwickelt, die zum Teil die Identifikation von Einzelautoren verweigern - vielleicht ein ernstzunehmender Angriff auf das etablierte Literatursystem, der zur Herausbildung einer auf kollektiven Arbeitsformen gründender Produktionsästhetik führen könnte.